Grönlands Luftverkehr erlebt grösste Umgestaltung seit Jahren

12.01.2025    Quelle: Ralf Kurz, Freier Mitarbeiter         

Grönland ist mit einer Fläche von 2'166'084 qkm die grösste Insel der Welt. Ihre Erreichbarkeit oblag viele Jahrhunderte dem Schiffsverkehr. Doch während des Zweiten Weltkrieges entdeckten Militärstrategen die günstige Lage Grönlands hinsichtlich Luftoperationen zwischen den USA und Europa. Binnen kürzester Zeit wurden Landepisten aus dem Boden gestampft, um Nachschubwege zu sichern. Sie lagen abseits der Siedlungen am Ende von Fjorden, welche sich gut zum Bau von Landebahnen eigneten. Drei dieser Airports sind noch heute in Betrieb, doch weit weg vom eigentlichen Leben in den bunten Küstenstädtchen.

Im Süden liegt der 1942 errichtete Flugplatz von Narsarsuaq mit seiner zur Bucht abfallenden 1'839 m langen Betonpiste. Hoch oben im Norden trotzt die 3'048 m lange Asphaltbahn der Thule Air Base dem Permafrost am 77.Breitengrad. Für die Anbindung Grönländs an den internationalen Luftverkehr am besten geeignet erwies sich mit 2'810 m Länge die Piste des ehemaligen Militärstützpunktes Kangerlussuaq in der Inselmitte. Obwohl dort fast niemand lebt, war er bisher einziges Ziel aller Flugverbindungen mit dem Ausland.

Eigentlich wäre hier für die Ankommenden bereits Endstation, weil in ganz Grönland kein Strassennetz zwischen den einzelnen Städten existiert. Um die Weitereise zu ermöglichen eröffnete man 1979 in der Hauptstadt Nuuk, sowie im Touristenmagnet Ilulissat zwei kleinere Airports. Deren 950 m, beziehungsweise 845 m lange Runways wurden unter immensen Aufwand aus der schroffer Felsküste heraus gesprengt. Jedenfalls ausreichend, damit Air Greenland, welche bis zum Jahr 2002 Greenlandair hiess, ihre Zubringerflüge für die wichtige Verbindung zwischen Kopenhagen und Kangerlussuaq durchführen konnte. Zunächst mit langsamen DHC-7-100, später mit schnelleren DHC-8-200. Nach dem Bau fünf weiterer Miniairports zwischen 1998 und 2000 wuchs die Flotte der sehr robusten Dash 8 auf aktuell acht Einheiten an. Die jeweils 799 m langen Runways in Aasiaat, Maniitsoq, Paamiut, Sisimiut und Upernavik wurden exakt auf diesen Turboprop abgestimmt. Auch Schotterpisten wie etwa in Kulusuk, Qaanaaq und Qaarsut lassen sich damit anfliegen.

Doch das Problem mit hartnäckigem Nebel im Herbst, welcher den Flugverkehr an der Westküste oft tagelang lahm legt, blieb weiterhin ungelöst. Für Grönland spielt global boomender Tourismus eine wachsende Rolle im Wirtschaftsleben. Im Jahr 2023 besuchten erst 140 000 Gäste das noch unberührte Naturparadies in der Arktis. Gerade deshalb sind zuverlässige Verkehrsverbindungen eine unverzichtbare Voraussetzung um damit verbundene Einkommensziele zu erreichen. Unter diesem Gesichtspunkt musste endlich eine zukunftstaugliche Lösung her. Die Verantwortlichen der Regierung entschieden sich daher für ein visionäres Megakonzept. Das grösste und teuerste Infrastrukturprojekt der jüngeren Geschichte Grönlands soll die Nation fit machen für alle Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte.

Bis zum Pistenausbau konnte die grönländische Hauptstadt Nuuk nur von Commuter-Flugzeugen mit kurzen Start-Eigenschaften wie der Dash-8 angesteuert werden. Nun kann das Bevölkerungszentrum der Insel direkt von Europa und Nordamerika aus mit Jets wie der A330-841N OY-GKN, dem Flaggschiff der Air Greenland, angesteuert werden, was spürbare Auswirkungen auf Tourismus und Mobilität der einheimischen Bevölkerung haben dürfte (Ralf Kurz, Nuuk, 28.11.24).

Gleich drei neue Flughäfen mit jettauglichen Landebahnen sind als Erfolgsgaranten geplant. Sowohl Nuuk, wie auch Ilulissat, erhalten neben hochmodernen Terminals Runways mit einer Pistenlänge von jeweils 2'200 Meter. Im Süden soll in Qaqortoq, bisher nur mit Hubschraubern erreichbar, eine 1'500 m lange Piste zumindest den Einsatz von Mittelstreckenjets erlauben. Während für Nuuk, nach fünfjähriger Bauzeit, die Inbetriebnahme auf Ende 2024 terminiert wurde, dürften die beiden anderen Vorhaben nicht vor dem Jahr 2027 fertiggestellt werden.

Als 2019 die finale Entscheidung für das auf 800 Millionen Dollar taxierte Megaprojekt fiel, standen sofort chinesische Firmen vor der Tür. Doch nach heftiger Kritik verschiedener Seiten entschied man sich für den dänischen Baukonzern Munck. Diese Firma versprach möglichst viele Grönländer zu beschäftigen um dem heimischen Arbeitsmarkt Schwung zu verleihen. Technisch gesehen standen die Bauingenieure vor enormen Herausforderungen. Weil das grönländische Gestein zu den härtesten der Welt zählt, musste man bei Munck speziell dafür konstruierte Baumaschinen zum Einsatz bringen. Die Asphaltierung der neukonzipierten Runway konnte witterungsbedingt nur zwischen Juli und August stattfinden. Um überhaupt die erforderliche Länge von 2'200 m erreichen zu können musste die Ausrichtung, verglichen mit der alten Landebahn, von 05 / 23 auf 04 / 22 gedreht werden. Die Anflugbefeuerung der Richtung 04 thront auf einer imposanten Stelzenkonstruktion aus Stahl in 100 m Höhe über darunter liegender Hafenbucht der grönländischen Hauptstadt.

Neben der verschobenen und verlängerten Landebahn gehörte auch der Bau eines neuen, modernen Terminals zum Gesamtprojekt des Ausbaus des Flughafens Nuuk. Da sich Abnahme und Ertüchtigung des Gebäudes auf den letzten Metern noch verzögerten, konnte der Erstflug non-stop von Kopenhagen nach Nuuk erst mit einigen Tagen Verspätung durchgeführt werden (Ralf Kurz, Nuuk, 27.11.24).

Der neue Flughafenterminal in Nuuk ist ein zentrales Element des ehrgeizigen Bauvorhabens. Von dem dänischen Architektenbüro Zeso stammt der präsentierte Vorschlag, welcher sich harmonisch in die Landschaftsumgebung einfügt. Äusserlich trotzt das schnörkellose Gebäude aus Beton und Glas so, als wäre es gegen alle arktischen Wetterkapriolen bestens gewappnet. Drinnen verbreitet nordisch schlichte Architektur mit viel Holz eine gemütliche Atmosphäre. Vier Check-in Schalter sowie acht Ticketautomaten garantieren die Abfertigung für maximal 800 Passagiere pro Stunde. Von der verglasten Besuchergalerie blickt man einen Stock tiefer in die Abflughalle mit sechs Gates. Dort dominiert der Duty-free-Shop, ganz innovativ mit Selbstbezahlkassen, und intelligenten Schliessfächern am Eingang für vorab bestellten Waren. Auch wenn Grönland politisch zu Dänemark gehört, ist die Insel zollrechtlich kein Mitglied der Europäischen Union.

Der Erstlandung der Air Greenland A330-841N OY-GKN mit dem Taufnamen «Tuukkaq» wohnte gefühlt die gesamte Einwohnerschaft der in Sichtweite der Piste liegenden Stadt Nuuk bei (Ralf Kurz, Nuuk, 28.11.24).

Der 28. November 2024 wurde einer der wichtigsten Tage in der Geschichte Grönlands. Dann wurde der neue Airport in Nuuk offiziell eröffnet. Zuvor wurde der Inlandverkehr mit den Turboprops, quasi als Probebetrieb, bereits im Juni 2024 in den Neubau verlagert. Das alte Abfertigungsgebäude, ein unzweckmässiger Schandfleck unter allen lokalen Flugplätzen, fiel schnell der Abrissbirne zum Opfer und existiert bereits nicht mehr.

Als feierlicher Höhepunkt landete erstmals ein Passagierjet in Nuuk. Solche Ehre gebührte natürlich dem Flaggschiff von Air Greenland, einem Airbus A330-800. Das eigentlich moderne Muster gilt gegenüber seiner gefragten Schwesterversion A330-900 als Ladenhüter mit lediglich wenigen Bestellungen. Doch für den täglichen Pendeldienst des Carriers zwischen Dänemark und Grönland, hin und zurück rund acht Flugstunden, scheint das Einzelexemplar perfekt geeignet. Die Maschine mit dem Kennzeichen OY-GKN wurde am 7. Dezember 2022 direkt vom Herstellerwerk in Toulouse nach Kangerlussuaq abgeliefert. Es ist der dritte Jet staatlicher Air Greenland, die 1960 als Greenlandair gegründet wurde. Von 1989 bis 2010, sowie von 2003 bis 2023, kamen jeweils eine gebraucht erworbene Boeing 757-200, sowie ein Airbus A330-200 zum Einsatz. Der Airbus A330-800 wurde auf den Namen Tuukkaq getauft, was in grönländischer Sprache Harpunenspitze bedeutet. Sein beliebter Vorgänger hiess Norsaq, was sich als Speerschleuder übersetzen lässt.

Das Szenario der Erstlandung am 28.November 2024 offenbarte auf den ersten Blick kaum einen Unterschied vom üblichen Ablauf bisheriger Dienste von Dänemark nach Grönland. Als regulärer Linienflug GL781 warb man sogar um Kurzentschlossene mit Sondertarifen. Schliesslich galt es die 305 Sitzplätze der Zweiklassenbestuhlung des Airbus A330-800 in einer saisonal schwachen Nachfragezeit gut zu füllen. Im Gegensatz zum Sommer, wo fast jeden Tag alle Flüge ausgebucht sind, operiert Air Greenland im Winter nur fünfmal pro Woche ab Kopenhagen. Weil es dann, im Spätherbst am Polarkreis, lediglich vier Stunden helles Tageslicht gibt, verschob man gewöhnliche Ankunftszeit von 10.10 Uhr auf 12.35 Uhr.

Schon Stunden vorher versammelten sich fast alle 20'000 Bewohner von Nuuk am Flughafen. Alle Läden der Stadt waren geschlossen, die menschenleeren Strassen wirkten wie ausgestorben. Zusätzlich ausgewiesene Parkplätze am Airport mussten bald wegen Überfüllung schliessen. Rund ums neue Terminal bildete sich das grösste Verkehrschaos in der Geschichte Grönlands.

Endlich näherte sich Tuukkaq von Norden kommend im Endanflug auf die Landebahn 22. Unter dem tosenden Jubel tausender Schaulustiger brach er das Manöver jedoch plötzlich ab. Es folgte ein geplanter, niedriger Low Approach über den Köpfen der begeisterten Zuschauer. Minuten später steuerte der knallrote Widebody aus südlicher Richtung die Landebahn 04 an. Im Cockpit des Airbus A330-800 sassen vier Piloten, sicherlich die erfahrenste Crew welche Air Greenland jemals für einen Flug aufbot. Sie leisteten ganze Arbeit und brachten unter Applaus des Publikums den Grossraumjet deutlich vor dem Ende der Runway zum Stehen. Beim Rollen zur Parkposition machten sich die zwei Piloten auf den Jumpseats nützlich. Aus beiden geöffneten Seitenfenster des Cockpits schwenkten sie die grönländische Flagge. Die sonst obligatorische Wasserfontäne der rechts und links positionierten, laut hupenden Feuerlöschfahrzeuge musste leider ausfallen: Am Tag zuvor herrschten noch bittere minus 20 Grad Celsius. Wenigstens lugte die tiefstehende Sonne kurzzeitig hinter den schneebedeckten Hügelspitzen der umliegenden Bergketten hervor.

Ab Sommerflugplan 2025 bekommt Tuukkaq als bislang einziger Jet in Nuuk Konkurrenz von anderen Protagonisten, die vom wachsenden Tourismus profitieren wollen. United Airlines will zweimal wöchentlich mit Boeing 737 MAX 8 aus Newark erscheinen. SAS hofft darauf, nach Jahrzehnten freiwilliger Abstinenz, etliche Passagiere der Air Greenland von deren Monopolstrecke dreimal pro Woche in das eigene Megadrehkreuz einzuspeisen zu können. Natürlich wird auch Icelandair, dem bisher einzigen ausländischen Liniencarrier in Grönland, vom wenig rentablen Einsatz kleiner Propellermaschinen auf komfortablen und zeitsparendem Jetbetrieb umstellen. Die dreistündigen Nonstopflüge mit DHC-8-200 zwischen Keflavik und Nuuk gehören dann wohl endgültig der Vergangenheit an!

oben: Von 1999 bis 2010 diente mit der OY-GRL auch die aus Icelandair-Beständen stammende Boeing 757-236 «Kunuunnguaq» zunächst noch unter der Marke Greenlandair, ab 2002 dann im Design und Markenauftritt der Air Greenland dem grönländischen Nationalcarrier. Sie fliegt heute, inzwischen zum Frachter umgebaut, als OE-LNB bei DHL Air Austria (Lukas Lusser, Zürich, 1.9.06).

unten: Der Airbus A330-223 OY-GRN «Norsaq» war der unmittelbare Vorgänger der heute bei Air Greenland eingesetzten A330-800neo. 2001 als günstige Gelegenheit aus der Konkursmasse der Sabena erworben, diente er bis Herbst 2023 der grönländischen Nationalairline. Im Herbst 2023 wurde er ausser Betrieb genommen und zum Abbruch nach Arizona überführt (Lukas Lusser, Zürich, 24.9.06).