Wo sind alle die «Sommervögel» hin?

23.08.2026             

Zunächst mit vier Bristol Britannia am Start, setzte Air Spain ab 1971 insgesamt sechs von Eastern Air Lines gemietete DC-8-21 ein, darunter die EC-CDA (Guido E. Bühlmann via bsl-mlh-planes.net, Basel, 1.9.74).

In der August-Ausgabe unseres Partners SkyNews.ch für gedruckte Beiträge erinnert unser Autor Lukas Lusser an die abwechslungsreichen Zeiten der oft saisonal tätigen Charterairlines auf dem europäischen Urlaubsmarkt. Für den Flugzeugfreund waren Charterflüge nämlich ein spannendes Business: Es kam ja fast jedes Jahr zur Gründung neuer Anbieter. Zudem erforderte es das saisonale Geschäft, dass die Charterairlines ihre Flotte jeweils der Nachfrage durch Hinzumieten oder Vermieten von Flugzeugen anpassten, was zu  Hybridanstrichen und wechselnden Betreibern eines altbekannten Fluggeräts führte. Gespannt erwartete der Flugzeugfan der 1970er und 1980er Jahre deshalb die Veröffentlichung des gedruckten Sommerflugplans seines Flughafens, um ihn nach neuen Airlines, ungewohnten Flugzeugtypen und Zielorten mit vielversprechendem Potential für exotische Besucher zu durchsuchen.

unten: Falconair – nicht zu verwechseln mit der späteren Frachtairline Falcon Air Sweden – führte zwischen 1967 und 1970 mit jeweils drei Vickers 700 Viscount und drei Lockheed L-188 Electra Charterflüge ab dem Flugplatz Malmö Bulltofta durch, der 1972 durch den heutigen Airport Malmö Sturup ersetzt wurde. Die Vickers 784D Viscount SE-CNL stammte von Philippine Airlines (Marcel Tschudin via bsl-mlh-planes.net, Basel, 11.7.67).

Was ist ein Charterflug?

Unter dem Begriff Charter – der aus der Seefahrt stammt – kann man eine kommerzielle Flugverbindung verstehen, die nicht nach einem festen Flugplan für Einzelreisende angeboten wird. Ein Privatcharter mit einem Businessjet, die Reise einer Sportmannschaft zu einem Turnier, eine saisonale Urlaubsverbindung oder ein Zubringer für Kreuzfahrtpassagiere erfüllen dieses Kriterium beispielsweise. 

Im Falle des klassischen Feriencharters bestand das Rezept für den aufkeimenden Tourismus in der Pauschalreise: Ein Reiseveranstalter spannt mit einer auf Urlauber ausgerichteten Fluglinie zusammen und chartert saisonal eines ihrer Flugzeuge. Dann verkauft er seinen Kunden ein komplettes Urlaubspaket bestehend aus Flug, Transfer, Hotel, Verpflegung und eventuell weiteren Extras wie Ausflüge, Eintritte usw.

Die Charterairline, oder Bedarfs-Fluggesellschaft im deutschen Sprachgebrauch, stellt eines ihrer Flugzeuge exklusiv einem oder mehreren Reiseanbietern zur Verfügung, um dessen Kunden an den Urlaubsort zu fliegen. Das wirtschaftliche Risiko liegt beim Reiseveranstalter, der die ganze Maschine (Vollcharter) oder ein festes Sitzplatzkontingent (Teilcharter) mietet, und nicht bei der Airline. Die Flüge sind entsprechend der Nachfrage aufgelegt, und somit nur saisonal im Angebot – manchmal sogar nur für wenige Wochen (Kettencharter).

Das Reisebüro Clarkston Travel Group benannte seine Airline-Tochter Autair 1970 in Court Line um und versah ihre Flotte von zwei Lockheed L-1011 TriStar und 15 BAC 1-11-500, darunter die G-AXML, mit unterschiedlichen Pastelltönen. 1974 ging das Reisebüro in Konkurs und riss die Airline-Tochter mit in die Insolvenz (Nicky Scherrer via bsl-mlh-planes.net, Basel, Juli 1973).

Das Aufkommen der Charterairlines

Die Preisfrage aber bleibt: Wer hat's denn erfunden? Einen eindeutigen Gründer kann man nicht bestimmen, denn Ursprünge des Charterflugs können in verschiedenen Herkunftsländern gefunden werden: Pioniere gab es in den nordischen Ländern, im deutschsprachigen Raum und in Grossbritannien. Ein gern zitierter Ursprung liegt im Vereinigten Königreich. Er geht auf eine passenderweise Air Charter Ltd. genannte Fluglinie zurück. Diese formierte sich bereits Ende der 1940er Jahre, um sich im Rahmen der Luftbrücke an den Versorgungsflügen nach Westberlin zu beteiligen. Doch der grosse Profit im Frachtgeschäft blieb aus, und 1951 stand sie vor dem Aus. Ein gewisser Frederik Alfred Laker – der spätere Sir Freddie Laker – kaufte Air Charter Ltd. und stieg mit ihr in den von der britischen Regierung ausgelagerten Übersee-Transport von Truppen und Militärausrüstung ein. 1955 folgte der Sprung ins zivile Business, als Air Charter in Zusammenarbeit mit Sabena mit einer durch Freddie Laker's Aviation Traders Ltd. zur ATL-98 Carvair umgerüsteten DC-4 Autofähren-Flüge über den Kanal aufnahm. Sie richteten sich an britische Urlauber, die mit ihren eigenen vier Rädern in Europa Ferien machen wollten.

Ein weiterer Pionier war der niederländische Luftwaffenpilot Martin Schröder, der 1958 seine Martin's Air Charter gründete und in den Markt für Passagiere und Fracht einstieg. 1960 wurde der Name in Martinair Holland geändert und das Passagiergeschäft auf den Pauschalreisemarkt ausgerichtet.

Wer Spantax sagt, muss auch Coronado sagen. Über die Jahre nutzte der spanischen Charter-Pionier insgesamt 14 Convair CV-990A Coronado, die er aus Beständen von American Airlines, Modern Air und Swissair erwarb. Die EC-BZP stand im klassischen Farbschema der Spantax noch bis Sommer 1986 als Reserveflugzeug an der Basis Palma de Mallorca einsatzbereit (Lukas Lusser, Palma, 9.4.86).

Auch Deutschland war ein fruchtbarer Boden für das Konzept der Pauschalreise. Nach der Rückerlangung der deutschen Lufthoheit im Jahre 1955 wurde bereits im Folgejahr mit der LTU Lufttransport Union ein Charterflieger gegründet, der den Markt prägen sollte und auch heute noch von manchen Reisenden vermisst wird. Auch Condor Flugdienst kann auf das Gründungsdatum 1956 verweisen. Während LTU Düsseldorf als Basis wählte und einen wesentlichen Beitrag leistete, den Flughafen zur Drehscheibe für Urlaubsreisen zu machen, siedelte sich Condor in Frankfurt an. In Hannover folgte Hapag-Lloyd (1973), heute als TUIfly aktiv. Im Süden dagegen waren es Südflug (schon 1953 nach Schweizer Recht für Geschäfts- und Vermessungsflüge gegründet, Feriencharter als deutsche Airline ab 1963), Atlantis (Stuttgart, 1968), Bavaria (München, 1957 für Postflüge gegründet, Charter ab 1964) und Germanair (Frankfurt, 1965 als Südwestflug gegründet, ab 1968 Germanair), die sich ein Stück des Kuchens sichern wollten. In der Schweiz ist hier als Pionierin die Balair (1953) zu erwähnen, die ab 1957 Urlaubsflüge durchführte, gefolgt von Globeair (1958), SATA (1966), oder Phoenix (1970).

Doch nicht nur in den Herkunftsländern der Urlauber entstanden Airlines, die den Markt nutzen wollten, sondern auch an den Urlaubsdestinationen. Es dauerte nicht lange, bis sich in Zielländern wie Spanien oder Jugoslawien Fluggesellschaften fanden, die mit lokalen Hotellerieanbietern und Reisebüros aus den Ursprungsländern saisonale Charterverträge abschliessen wollten. Namen wie Aviaco, Inex-Adria, Spantax oder Transeuropa stehen für südländische Pioniere des Geschäfts mit Pauschaltouristen, die ab den 1960er Jahren teilweise während mehrerer Dekaden blühen sollten.

unten: Mit drei von Hapag-Lloyd erworbenen Airbus A300B4-203 wagte Dan-Air London den Schritt zum Grossraumflugzeug. Während der Winterskisaison kommt hier die G-BMNB am späten Nachmittag bei tiefen Minusgraden im Salzburger Land an (Lukas Lusser, Salzburg, 30.1.87).

Low-Cost und Internet mischen die Karten neu

Mit dem Übergang ins neue Millennium änderte sich die Charterszene schleichend, aber unaufhaltsam. Nach dem Vorbild der USA bildeten sich nun in Europa zunehmend Low-Cost-Fluglinien. Wiederum von Grossbritannien ausgehend bliesen etwa EasyJet oder Ryanair zum Angriff gegen die als überteuert, unflexibel und träge kritisierten nationalen Fluggesellschaften. Dabei waren sie schlau genug, günstige Alternativen auf Verbindungen, die insbesondere Leisure-Reisende, also Urlauber, Städtereisende und Rucksack-Touristen anzogen, deren Interesse an einem günstigen Tarif als sicher galt, statt durch einen direkten Angriff auf die etablierten Strecken zwischen Geschäftsdestinationen, Hubs und regionalen Zubringerzielen einen vernichtenden Gegenschlag zu provozieren. Zudem suchte man sich sekundäre Flughäfen als Abflugsorte, die auf dem Radar der etablierten Airlines keine wichtige Rolle spielten. Dies waren oft genau jene Märkte und Verbindungen, die bisher saisonal von Charterflügen abgedeckt wurden. Mit der günstigen Konkurrenz eines Low-Cost-Anbieters alleine wären die Charterairlines und ihre Reisepartner wohl zurecht gekommen, doch dann spielten die Low-Coster ihren zweiten Trumpf aus: Sie bauten gezielt und mit grosser Marketingpräsenz eigene Direktvertriebskanäle auf, über die nicht nur Flugtickets, sondern auch weitere, typische Urlaubsbedürfnisse wie Transfers, Mietwagen, Hotels usw. ausgewählt und gebucht werden konnten – zunächst über gebührenfreie Telefonhotlines, bald schon über das Internet.

In gleichem Masse schrumpfte die Nachfrage nach Pauschalreisen und klassischen Charterairlines. Zwar sind manche Reisende auch heute gewillt, lieber das Pauschalreiseangebot «Sorgenfrei» zu buchen als sich im Internet auf Schnäppchenjagd zu begeben, doch landen sie nun entweder auf einem Linienflug oder, wenn's dumm läuft, auf dem selben Low-Cost-Flieger wie die Direktbucher. Auf diese grundlegende Veränderung am Markt mussten die Charterairlines reagieren, wollten sie nicht untergehen: Bedarf für Charter-Dienste besteht auch heute noch, allerdings kaum mehr in der Form saisonaler Pauschalreisen. Viel öfter bieten heutige Charterairlines Privatcharter, Ad-Hoc-Flüge wie Pilgerreisen, Fanflüge zur Sport-Anlässen, Kreuzfahrt-Zubringer, ethnische Saison-Verbindungen oder – nicht sehr prestigeträchtig – Rückführungsflüge abgewiesener Migranten an. Ein weiteres Geschäftsfeld ist der Fokus auf ACMI-Dienste, bei denen sie ihr Flugzeug komplett mit Crew, Wartung und Versicherung saisonal anderen Airlines vermieten, die kurzfristig ihre Flotte erweitern wollen. Ein weiterer Ausweg, um dem Schwund der Pauschalreisen zu entgehen, liess einige Charter-Airlines den Schritt zur Linienfluggesellschaft wagen, wie es etwa Air Europa, Condor, Edelweiss Air oder Transavia demonstrieren. Hierzu kann man auch die Schweizer Tochter der EasyJet zählen, denn sie ist aus der ehemaligen TEA Switzerland, einer Charter-Airline und Tochter der belgischen TEA entstanden.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Sie finden die Geschichte der bunten «Sommervögel», von den Anfängen um 1950 bis zum Verwelken um die Jahrtausendwende, in voller Länge an Ihrem Kiosk, abgedruckt in der August-Ausgabe des Luftfahrtmagazins Skynews.ch. Zudem finden Sie in unserer Galerie der «Sommervögel» eine Sammlung von über 100 Bildern klassischer Charterairlines inklusive Hintergrundinformationen.

unten: Zur Jahrtausendwende bot Pannon Airlines als Flugpartner des Reisebüros Jorgos Travel Feriencharter ab Ungarn nach Griechenland und Spanien an. Die in eigenen Farben fliegende Tupolev Tu-154M HA-LCX stand dabei nur eine Sommersaison lang im Dienst, danach kamen eingecharterte Flugzeuge zum Einsatz (Lukas Lusser, Korfu, 18.6.00).