Zulassung der Boeing 737-10 MAX erneut verzögert

30.09.2026    Quelle: Reuters         

Endlich schien das Ziel in Sicht und die Zulassung der grössten Version der Boeing 737 MAX-Familie nur noch Stunden oder wenige Tage entfernt. Alaska Airlines kommunizierte gegenüber den Medien bereits ihre Erleichterung, endlich mit der Schulung und Einführung des längst überfälligen Musters beginnen zu können, und auch Boeing deutete vorsichtig an, möglicherweise noch vor Ende September das Zulassungsverfahren abschliessen zu können, nachdem das Entwicklungsteam in einem wahren Kraftakt alle erforderlichen Dokumentationen und Unterlagen fertig gestellt hatte.

Doch buchstäblich nur Stunden vor Erteilung des Lufttüchtigkeitszertifikats für die Boeing 737-10 MAX stoppte das US-Luftamt FAA den Prozess wegen Sicherheitsbedenken - ein für das Marketing und die Reputation eines Herstellers bisher ungekanntes Vorgehen zu einem Zeitpunkt, in dem derart grundlegende Punkte längst erfolgreich abgeschlossen sein sollten und nur noch letzte Formalitäten anstehen sollten. Der zuständige Leiter des Zulassungsverfahrens beim Luftamt gab dabei zu verstehen, dass die Zulassung seitens des FAA erst abgeschlossen werde, wenn die Bedenken vollumfänglich ausgeräumt seien.

Aus der Zulassung Ende September 2026 wird - wieder - nichts: Das Programm der Boeing 737-10 MAX, hier der erste Prototyp N27751 während eines Testfluges, wurde 2017 gestartet und der ursprünglich angestrebte Termin für die Markteinführung im Jahr 2022 ist bereits um vier Jahre hinter dem Zeitplan zurück. Nun droht auf der Ziellinie erneut eine unbestimmte Verzögerung, solange das FAA Bedenken bezüglich der Naviationssoftware hegt (Boeing Company/Liz Wolter, über dem Bundesstaat Washington, 18.7.24).

Konkret geht es bei den Bedenken des FAA um ein Software-Release des Navigations- und Flight Management-Systems, das zugleich mit der Zulassung der MAX 10 ausgerollt und später auch auf früheren Versionen der MAX-Familie eingespielt werden sollte. Dieses Update beinhaltet eine Sequenz, die dafür sorgen soll, dass im Falle eines misslungenen Anflugs oder eines Durchstarts der Flight Management Computer der 10 MAX (und späterer weiterer aufdatierter Versionen) unter Umständen selbsttätig vom vollen Kontrollmodus (Automated Flight Guidance, also volle Kursführung) auf einen vereinfachten Betriebsmodus umschaltet, bei dem nur noch eine Lagekontrolle (Neigungswinkel, Pitch) erfolgt. Konkret würde dies bedeuten, dass in diesem Moment die Piloten selbst das Flugzeug steuern und auf dem gewünschten Kurs halten müssen, während sie den Flight Management Computer mit angepassten Kursdaten füttern und den vollen Kontrollmodus re-aktivieren müssen. Dem FAA macht diese Software-Lösung deshalb Sorgen, weil dieser mögliche autonome Wechsel in der Funktion des Flight Management Computers just in einer Situation erfolgt, in der die Piloten unter hohem Arbeitsdruck und möglicherweise zusätzlichem Stress stehen, zum Beispiel bei einem «Missed Approach» wegen schlechter Sichtverhältnisse, einem Durchstart wegen eines Konfliktes mit einem anderen Luftfahrzeug oder bei technischen Problemen. Zudem besteht in diesem Moment für die Crew ein erhöhter Kommunikations- und Koordinationsbedarf aufgrund des veränderten Flugwegs, so dass sie sich zu einem äusserst ungünstigen Moment auch noch um das Reaktivieren des Flight Guidance-Modus oder um das manuelle Übernehmen der Kurssteuerung kümmern müssen.

Das FAA will deshalb die von Boeing vorgenommene Software-Anpassung eingehend prüfen, um sicherzustellen, dass sie kein zusätzliches Sicherheitsrisiko für die MAX 10 und weitere, nachgerüstete Flugzeuge der Familie in sich birgt. Boeing selbst ist sich der möglichen Konsequenzen ebenfalls bewusst und arbeitet nach eigenen Angaben bereits daran, die Software dahingehend nachzurüsten, dass die Piloten im Falle einer Deaktivierung des Flight Guidance Modus diesen mit einem einfachen Befehl reaktivieren können. 

Angesichts der oben erwähnten Bedenken scheint eine derartige Anpassung des Software-Updates auch aus Sicht des Luftamtes erforderlich, wobei eine derart grundlegende Anpassung in einem kritischen Moment des Flugverlaufs erfahrungsgemäss auch in der Praxis durch eine Flugerprobung verifiziert werden muss. Falls dieser für die Sicherheit erforderliche, für Boeing's Marketingabteilung aber schlimmstmögliche Fall eintritt, wäre erneut von einer mehrmonatigen Verzögerung im Zulassungsverfahren der MAX 10 auszugehen. Doch immerhin geht es «nur» um ein Software-Update, so dass ausser dem Einspielen einer angepassten Software keine weiteren Modifikationen an der Zelle oder am Innenleben bereits «auf Halde» gebauter Boeing 737-10 MAX erforderlich werden dürfte. Dennoch erstaunt dieser Programmstopp in letzter Minute selbst angesichts der bereits fast endlosen Saga der Entwicklung und Zulassung der Boeing 737 MAX-Familie.