Als der Kranich mit Propellern flog
15.02.2026
Die Vickers 814 Viscount D-ANAM der Lufthansa stiess im April 1959 zur Europaflotte des Kranichs. Nach ihrer Ausmusterung im Juli 1970 wurde sie von Lufthansa Technik in Hamburg zur Ausbildung von Flugzeugmechaniker-Lehrlingen genutzt - eine Rolle, die heute die Boeing 737-530 D-ABIA inne hat - und schliesslich 1976 der Familie P. Junior übergeben, die sie heute in ihrer öffentlichen Flugzeugsammlung in Hermeskeil pflegt und ausstellt (Lukas Lusser, Hermeskeil, 5.8.22).
Im Jahr 2026 feiert Lufthansa mit Anlässen und speziellen Designs ihr 100-jähriges Jubiläum. Doch streng genommen ist es nicht die eigentliche Firma sondern die Marke, deren Lancierung sich im April 2026 zum 100. Mal jährt, denn durch den Zweiten Weltkrieg und die nachfolgende Verwaltung Deutschlands durch die aliierten Mächte wurde nicht nur die Lufthansa, sondern die Luftverkehrsgeschichte Deutschlands unterbrochen und neu aufgesetzt. Im ersten Teil einer zweigeteilten Jubiläumsgeschichte, die wir bei unserem Partner für gedruckte Beiträge, SkyNews.ch, veröffentlichen, werfen wir einen Blick auf die Jahre 1926 bis 1965.
Von Aufbruch in der Pionierzeit zu den dunklen Tagen des Dritten Reichs
Zu Beginn des zivilen Luftverkehrs in Deutschland steht nicht der Name Lufthansa, sondern zwei andere: DLR Deutsche Luftreederei und Junkers. Die DLR nahm schon 1917, also noch während des ersten Weltkriegs, mit Beteiligung der Luftschiffbau Zeppelin, der Deutschen Bank und AEG den regulären Flugverkehr mit Flächenflugzeugen innerhalb Deutschlands auf, 1919 folgte mit Amsterdam das erste ausländische Ziel. Auch der Flugzeugbauer Junkers, genauer gesagt seine ausgegliederte Junkers Flugverkehr wagte nach dem Ende des Krieges den Schritt in die kommerzielle Luftfahrt. 1921 von den Junkers Flugzeugwerken gegründet, nahm die Tochter mittels Flugzeugen aus eigener Produktion – die wegen der Auflagen des Versailler Friedensvertrages zunächst noch durch Tochterfirmen in Schweden und der UdSSR gebaut wurden – den Flugverkehr im Inland und zu internationalen Zielen auf.
1923 schlossen sich die DLR und der Lloyd Flugdienst zur Deutschen Aero Lloyd zusammen, und am 6. April 2026 schliesslich entstand aus deren Fusion mit Junkers Flugverkehr die Deutsche Luft Hansa AG. Zunächst stand der weitere Aufbau des zivilen Luftverkehrs im Fokus des jungen Unternehmens. Neue, grössere Verkehrsflugzeuge, insbesondere die Junkers Ju-52, ermöglichten einen stetigen Ausbau des Streckennetzes und der beförderten Passagiere. Doch bald schon sorgte der Griff der Nazionalsozialisten nach der Macht für eine andere Gangart. Das Reichsluftfahrtministerium priorisierte den Aufbau einer Luftwaffe, und die nun als Deutsche Lufthansa Aktiengesellschaft firmierende Fluglinie wurde dabei immer mehr zum Schaustück der technologischen Fähigkeiten und des Fortschritts in der deutschen Luftfahrtsindustrie.
oben: Vom 1. April bis 31. Oktober 1935 betrieb die Deutsche Luft Hansa in Zusammenarbeit mit der Swissair mit Junkers Ju 52/3m die Strecke zwischen Basel-Sternenfeld, Frankfurt am Main, Köln und Amsterdam. Als damals modernstes Fluggerät kam etwa die Junkers Ju-52/3m D-2649 zum Einsatz. Sie wurde im September 1933 ausgeliefert und im Juli 1934 nach dem neuen Immatrikulationsschema in D-AJUX umregistriert. Am 19.9.36 verunfallte sie in Frankfurt am Main (Sammlung Andreas Senn/bsl-mlh-planes.net, Basel Sternenfeld, Frühjahr 1934).
unten: Die Convair 440 Metropolitan D-ACEF führte 1955 den Erstflug der «neuen» Lufthansa durch, der von Hamburg nach Frankfurt führte. Bis zu ihrem Verkauf an General Air im Frühjahr 1969 stand sie auf den Europastrecken im Einsatz, somit natürlich auch auf Flügen in die Schweiz (Karl Freund, Zürich, September 1966).
Neustart nach Wiedererlangen der deutschen Lufthoheit
Bis zum Jahr 1955 war Deutschland nach dem Ende des II. Weltkriegs und der Überwindung des Nationalsozialismus der Aufbau einer eigenen Luftfahrt durch die Siegermächte sowieso verwehrt. Am 1. April 1955 erhielt die Bundesrepublik Deutschland von den Aliierten jedoch die Lufthoheit zurück, womit dem Wiederaufbau eines zivilen Luftverkehrs kein politisches Hindernis mehr im Wege stand. Bereits knapp zwei Jahre zuvor, am 6. Januar 1953, hatte die Gründungsversammlung der Aktiengesellschaft für Luftverkehr – kurz LuftAG – stattgefunden. Dieses Unternehmen konnte 1954 die Markenrechte am traditionellen Firmennamen Lufthansa erwerben, stellte aber sogleich und wiederholt selbst klar, dass man keinerlei Rechtsnachfolge der früheren, kriegsbelasteten Lufthansa Aktiengesellschaft sei, sondern eine Neugründung, die in jeder rechtlichen Beziehung vom früheren Unternehmen unabhängig sei. Doch ebenso schnell tauchte der innere Widerspruch auf, den auch das bevorstehende 100-Jahr-Jubiläum wieder einmal zu Tage fördert: Schon am 1. April 1955, anlässlich des ersten Linienfluges der neu gegründeten Lufthansa AG, sprach das Unternehmen vom «Neubeginn der traditionsreichen Lufthansa», die von den technischen Fortschritten der Vorgängerin profitierend die Luftfahrt Deutschlands in die Neuzeit führen würde.
Die moderne Lufthansa, als Aktiengesellschaft bis 1963 zu fast 100% im Besitz der Bundesrepublik Deutschland, wurde als neue nationale Fluggesellschaft aus der Taufe gehoben. Ihr Erstflug führte am 1. April 1955 mit der Convair 340 D-ACEF von Hamburg über Düsseldorf und Frankfurt nach München. Bereits wenige Wochen später, am 8. Juni 1955, folgte der erste Langstreckenflug, durchgeführt mit einer Lockheed L-1049 Super Constellation von Hamburg via Düsseldorf, Shannon und Reykjavik nach New York. Die zunächst auf den Eurpopastrecken eingesetzten insgesamt elf Convair-Twins erhielten ab Herbst 1958 Verstärkung durch ebenso viele Vickers Viscount 814. Der viermotorige Turboprop aus englischer Produktion war nicht nur grösser und leistungsfähiger, sondern auch schneller und moderner ausgerüstet.
Die eleganten Langstreckenflugzeuge des US Herstellers Lockheed ermöglichten Lufthansa in der Nachkriegszeit den Aufbau eines interkontinentalen Netzwerks. Insgesamt zehn Lockheed L-1049G «Super Constellation» und vier grössere, aber auch problemanfälligere Lockheed L-1649A «Starliner» flogen für den Kranich. Die 1955 gebaute L-1049G «Super Constellation» D-ALEM wurde nach dem Eintreffen der ersten Boeing-Jets von den prestigeträchtigen Langstreckenrouten verdrängt und stand noch bis 1967 auf Europastrecken im Einsatz, anschliessend wurde sie nach nur zwölfjähriger Einsatzzeit verschrottet. Bei der heute am Besucherpark des Flughafens München ausgestellten «Super Constellation» mit dem selben Kennzeichen D-ALEM handelt es sich um eine ehemalige Air France «Connie», die zuletzt bei Air Fret flog und anschliessend in Düsseldorf, Frankfurt und nun München als Ausstellungsstück hergerichtet wurde (Karl Freund, Zürich, August 1965).
Wenn Jets, dann Boeing
Den Eintritt ins Jet-Zeitalter kann man im Falle der Lufthansa getrost den Eintritt ins Boeing-Zeitalter nennen. Lufthansa entschied sich bereits früh für den Flugzeugbauer aus Seattle: 1957 bestellte sie eine erste Tranche von vier Boeing 707-400, die im Gegensatz zur Urversion mit leistungsstärkeren Rolls-Royce Conway 508-Triebwerken ausgestattet war.
Am 2. März 1960 erhielt Lufthansa mit der D-ABOB «Hamburg» ihren ersten Jet, den sie mit einem ersten Linienflug von Hamburg via Frankfurt nach New York am regnerischen 17. März 1960 in Dienst stellte. Zusammen mit ihren Schwestern der -400er Version blieb sie bis 1975 im Dienst der Lufthansa. Die D-ABOD «Frankfurt» wurde anschliessend als Ausbildungsflugzeug der Lufthansa Technik in Hamburg weiter genutzt, wofür sie jeweils sogar in die aktuellen Farben des Carriers umbemalt wurde. Anschliessend überliess Lufthansa sie dem Flughafen Fuhlsbüttel, der sie in Fantasiefarben und mit dem Fake-Kennzeichen D-AFHG ausstellte. Trotz ihres enormen historischen Wertes überliess er Deutschlands ältesten überlebenden Linienjet aber zunehmend dem Verfall, und ungeachtet des Widerstands von Enthusiasten und Teilen der Öffentlichkeit wurde die ehemalige D-ABOD als letzte deutsche Zeugin des beginnenden Jetzeitalters schliesslich im Juni 2021 verschrottet.
Lufthansa baute ihre Jetflotte schnell mit weiteren Mustern aus dem Haus Boeing aus. Für Mittelstrecken erwarb sie acht Einheiten der «abgespeckten» Version der Boeing 707, die unter der Bezeichnung Boeing 720 primär für Transkontinentalflüge innerhalb der USA konzipiert wurde, sich aber auch ideal für Strecken ab Mitteleuropa nach Nordafrika oder in den Mittleren Osten eignete. Die Langstreckenflotte wurde ab 1963 mit der neu mit Mantelstrom-Triebwerken der Bauart Pratt & Whitney JT3D erhältlichen Boeing 707-300B und -300C erweitert, wovon Lufthansa nicht weniger als 20 Einheiten erwarb, deren letzte Exemplare bis 1984 in Betrieb blieben.
Auch im Europaverkehr wagte Lufthansa den Aufbruch ins Jet-Zeitalter mit einem Muster von Boeing: Als erste Airline aus Übersee betrieb sie ab 1964 die dreistrahlige Boeing 727, die von Boeing auf Drängen der grossen US-Carrier Eastern Air Lines, TWA und United Air Lines für Flüge innerhalb Nordamerikas und in die Karibik entwickelt wurde. Lufthansa erwarb zunächst 27 Einheiten der kürzeren Version -100, einige davon auch mit Frachttor ausgestattet und als Combi einsetzbar.
Damit verloren die Propeller-getriebenen Flugzeuge in der Lufthansa-Flotte innerhalb weniger Jahre ihre Bedeutung. Einige Lockheed Super Constellation wurden in den 1960er Jahren noch als Frachter weiterbetrieben, während die Convair 440 verkauft und die Vickers Viscount noch bis Ende der Dekade eingesetzt wurden, entweder auf Linienflügen bei Lufthansa selbst oder auf Urlaubsflügen bei Condor, an die LH ab 1962 vier der robusten britischen Arbeitspferde weitervermietete. Nach der Ausmusterung der Viscount im Jahr 1970 nutzte Lufthansa zwei Einheiten als Ausbildungsflugzeuge und Technik-Trainer weiter. Die D-ANAF diente in Frankfurt der Ausbildung junger Techniker, die D-ANAM diente in Hamburg bei Lufthansa Technik zur Lehrlingsausbildung. Diese beiden Zeitzeugen aus der Prop-Ära der Lufthansa überlebten dank dieses «zweiten Lebens» bis zum heutigen Tag. Die «Hamburger» D-ANAM ist seit 1976 Teil der öffentlich zugänglichen Flugzeugsammlung der Familie P. Junior in Hermeskeil, während die «Frankfurter» D-ANAF 2013 dem Technikmuseum Speyer übergeben wurde, wo man sie heute von Aussen und Innen - die gesamte Kabineneinrichtung ist erhalten geblieben - besichtigen kann.
Jubiläumsgeschenk Hangar One
Flugzeugliebhaber und Fotografen dürften inzwischen der bevorstehenden Eröffnung des Lufthansa Hangar One am Frankfurter Flughafen entgegenfiebern, in dem insbesondere die Pionier- und Nachkriegszeit der Lufthansa gewürdigt wird. Denn dort werden bald hinter einer Glasfassade zwei weitere, historische Flugzeuge aus der Geschichte der Lufthansa ausgestellt, zusammen mit weiteren Memorabilien. Zum einen findet die Junkers Ju-52/3m D-CDLH, bemalt als D-AQUI «Berlin» der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung dort ihr neues Zuhause, nachdem sie 2018 aus Sicherheitsgründen den zuvor noch gepflegten Rundflugbetrieb aufgeben musste.
Doch ein noch grösseres, noch ikonischeres Flugzeug wird der Tante Ju im Hangar One wohl die Schau stehlen. Lufthansa wird dort eine Lockheed L-1649A Starliner (bei Lufthansa als «Super Star» bezeichnet) ausstellen, die zwar einst für TWA flog, nun aber komplett restauriert in der originalgetreuen Lackierung der einstigen D-ALAN gezeigt wird.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Sie finden den ersten Teil eines zweiteiligen, reich bebilderten Rückblicks auf die 100 Jahre des Lufthansa-Kranichs in der Februar-Ausgabe 2026 unseres Partners für gedruckte Beiträge, Skynews.ch, an Ihrem Kiosk. Schauen Sie unbedingt hinein: Skynews.ch erscheint ab dieser Nummer in einem überarbeiteten Layout, mit mehr Umfang als bisher und auf hochwertigem Glanzpapier.
oben: Die Boeing 707-430 D-ABOD gehörte zur ersten Tranche von vier Boeing 707, mit denen Lufthansa den Einstieg ins Jetzeitalter wagte. Sie gehörte zur eher seltenen Gruppe von Boeing 707, die von britischen Rolls-Royce Conway-Triebwerken - erkennbar an den markanten Schalldämpfern - anstelle der üblichen amerikanischen Pratt&Whitney JT3A respektive JT3D angetrieben wurden. Nach ihrer Ausmusterung bei Lufthansa diente die D-ABOD bei Lufthansa Technik in Hamburg als Ausbildungsflugzeug, bevor sie dem Flughafen als Ausstellungsstück geschenkt wurde. Während der Covid-19-Pandemie wurde entschieden, die vom Zahn der Zeit angenagte D-ABOD trotz ihrer historischen Bedeutung aus Kostengründen zu verschrotten, worauf sie im April 2021 abgebrochen wurde (Karl Freund, Frankfurt, 13.5.67).
unten: Wer würde hier nicht sofort einsteigen wollen: Die Lufthansa Boeing 727-30C D-ABIJ wartet an einem sonnigen Frühsommermorgen auf ihre Fluggäste, die nach einem kurzen Spaziergang vom Terminal über das Vorfeld die ins Heck integrierte Treppe nutzen können, um die 90 Economy-Plätze zu erreichen, oder über die externe Treppe vorne die acht Firstclass-Sitze für den kurzen Flug nach Frankfurt einnehmen dürfen (Karl Freund, Zürich, Mai 1975).