Good News - Bad News bei der Boeing 777X
19.11.2025 Quelle: DJ's Aviation
Der Flugzeughersteller Boeing musste vor wenigen Wochen Gerüchte über eine weitere Verzögerung bei der Zulassung und Auslieferung seines neuen Paradepferdes Boeing 777X bestätigen. Anstelle der beim ursprünglichen Programmstart im Jahr 2013 geplanten Zulassung und Erstauslieferung im Jahr 2020 hatte Boeing zuletzt einen Start der Auslieferungen im ersten Quartal 2026 in Aussicht gestellt. Nachdem Aussagen des Boeing CEO Robert Ortberg bestätigten, dass noch ein «Berg von Arbeit» bis zu einer erfolgreichen Zulassung des Musters zu bewältigen sei, geht Boeing nun von einer Zertifizierung und Inbetriebnahme der Boeing 777X «frühestens im Jahr 2027» aus.
Die als Erstes zuzulassende Passagierversion Boeing 777-9 befindet sich seit dem 7. November 2025 in der Phase 3 von 5 der sogenannten Type Inspection Authorization (TIA) zur Erlangung der Musterzulassung, in der das Design aller Baugruppen des Flugzeugs inklusive Cockpit und Kabine validiert wird. Diese Phase gilt bezüglich geforderter technischer Inspektionen und ihrer Dokumentation als besonders herausfordernd und arbeitsintensiv. Sie verlangt unter anderem auch Flüge unter realen Einsatzbedingungen in unterschiedlichen Klimazonen und Weltregionen.
Der Erstflug der Boeing 777-9 fand am 25. Januar 2020 statt, als der Prototyp N779XW erstmals vom Werksflughafen Paine Field in Everett, WA, abhob. Inzwischen nehmen fünf verschiedene Einheiten an der Flugerprobung teil, so auch die drei Prototypen N779XX, N779XY, N779XZ und die später für Singapore Airlines vorgesehene N2007L (Boeing Corporation, Everett, 25.1.20).
Die Verspätungen bedeuten für den Flugzeugbauer aus Seattle eine grosse finanzielle Belastung. Nachdem Boeing hierfür bereits gut 10 Milliarden Dollar budgetiert hat, schätzt CEO Ortberg die durch erneute Verzögerung entstehenden Zusatzkosten auf nochmals etwas über 4,9 Milliarden US-Dollar (knapp 4 Milliarden Schweizer Franken) ein, total nun also auf rund 15 Milliarden Dollar/12 Milliarden Franken. Darunter fallen nicht nur zusätzliche Anpassungen an den Testflugzeugen und regulatorische Auflagen, sondern insbesondere auch Strafzahlungen und Kompensationen an betroffene Kunden wie Emirates, die ihre bestellten Flugzeuge wiederholt nicht zum versprochenen Zeitpunkt erhalten haben.
Zusätzlich ist zu bedenken, dass die Serienproduktion der Boeing 777X inzwischen schon angelaufen ist, wie Bilder vom Werkflughafen Everett erkennen lassen. Mittlerweile - Stand November 2025 - hat Boeing neben den sechs Vorserienflugzeugen (Nummern 1 und 6 für Bodentests, Nummern 2 bis 5 für die Flugerprobung) bereits über 20 Einheiten der Serienproduktion gefertigt, von denen eine für Singapore Airlines vorgesehene Maschine inzwischen ebenfalls am Testflugprogramm teilnimmt (N2007L, Erstflug am 5. August 2025). Die übrigen Flugzeuge stehen in verschiedenen Phasen der Fertigstellung auf dem Areal des Herstellers. Sollten sich im Laufe des Zulassungsprozesses weitere Modifikationen ergeben, müssen diese nachträglich an den bereits endmontierten Zellen nachgebessert werden, was eine weitere Unsicherheit bezüglich auflaufender Kosten der Verzögerung bedeutet.
Tadel und Hoffnung von Emirates
Die wiederholten Verspätungen haben insbesondere seitens des Erstkunden Emirates zu harschen Worten geführt. Deren CEO Sir Tim Clark fühlte sich von Boeing schlecht informiert, nachdem er seinen eigenen Worten nach zunächst aus der Tagespresse von der neuerlichen Verspätung erfahren musste. Die Boeing 777X, von der Emirates bisher 205 Einheiten bestellt hat, sollte schon längst die älteren Boeing 777-300ER ersetzt haben und zum neuen Langstrecken-Flaggschiff der Golfairline aufgestiegen sein. Stattdessen musste Emirates in den vergangenen Jahren mehr als eine Milliarde Dollar in die Modernisierung und Aufrüstung der Kabinen ihrer bestehenden Flotte investieren, um die Flugzeuge der älteren Generation bis zum Eintreffen der Boeing 777X an die Anforderungen der Gegenwart anzupassen.
Zur Überraschung der Öffentlichkeit hat Emirates aber trotz der wiederholten Kritik an Boeing, die zeitweise in der Drohung gipfelte, einen Teil der Boeing 777X-Bestellung zu annullieren, nun an der Dubai Air Show 2025 kräftig nachgelegt - und ihre Bestellung für die Boeing 777-9 um weitere 65 Einheiten auf sagenhafte 270 Flugzeuge ausgeweitet, wozu noch zehn Boeing 777-8F Frachter hinzukommen. Möglicherweise soll diese Nachbestellung als Ermunterung an Boeing dienen, die angedachte, bisher aber noch nicht umgesetzte gestreckte Version Boeing 777-10 in Angriff zu nehmen, die Emirates als Ersatz für ihre alternde Airbus A380-Flotte sehnlich herbeiwünscht.