BeNeLux: Das Herzstück der europäischen Luftfracht im Wandel
08.11.2025 Quelle: Serge Braun - Korrespondent LUX
Die BeNeLux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg sind nicht nur untereinander eng verflochten, sondern haben sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts dank des dichten Strassen- und Autobahnnetzes, das eine gute Anbindung an die Nachbarländer und europäischen Wirtschaftsmächte Frankreich und Deutschland schafft, zu einem Hotspot für das internationale Überland-Speditions- und Luftfracht-Geschäft entwickelt. Dementsprechend sind nicht nur mehrere der grössten europäischen Speditionsfirmen im BeNeLux-Raum beheimatet, sondern es haben sich in den drei Staaten auch wahrhafte Luftfracht-Hubs entwickelt, die sich in einem stetigen Wettbewerb untereinander befinden.
Neben dem seit den 1970er Jahren als Frachthub bekannten Flughafen Luxemburg haben sich auch das rund 100 Kilometer nördlich gelegene Liège in Belgien sowie das benachbarte Maastricht in den Niederlanden als wichtige Player im Frachtgeschäft etabliert, und auch die Flughäfen der Hauptstädte Brüssel und Amsterdam sind gewichtige Player im Frachtgeschäft. Die grösste Dynamik herrscht derzeit aber zwischen den auf den Frachtumschlag spezialisierten Destinationen Luxemburg, Liège und Maastricht.
oben: Die LX-VCV ist eine von vier Boeing 747-4R7F, die von der italienischen Tochter Cargolux Italia betrieben werden. Beim Start zum kurzen Weiterflug nach Mailand-Malpensa hebt sie früh ab und steigt direkt über dem Luxemburger Tower steil in ihr angestammtes Element (Lukas Lusser, Luxemburg, 6.8.22).
unten: Von Mitte der 1980-er Jahre bis Anfang der 2000-er Jahre gab es viele kleine afrikanische Frachtairlines, manchmal mit nur einem Flugzeug, die vom boomenden Luftfrachtgeschäft profitierten wollten und auch ab Luxemburg tätig wurden. Transportiert wurde beim Hinflug nach Europa meistens Obst und Gemüse, beim Rückflug nach Afrika dann elektronische Geräte und Maschinen. Die DC-8-55F Z-WMJ der Affretair aus Zimbabwe befand sich auf einem dieser Flüge von Luxemburg via Port Harcourt nach Harare (Serge Braun, Luxemburg, 16.12.95).
Cargolux und Luxair Cargo Center - Eine erfolgreiche Kombination
Eines dieser Frachtumschlagzentren ist der Flughafen Findel nahe der Luxemburgischen Hauptstadt. Bezüglich des Passagierverkehrs ist er eher von regionaler Bedeutung, angeboten werden hauptsächlich Linienflüge zu europäischen Hubs und Städtedestinationen, sowie Urlaubsflüge zu den klassischen Ferienzielen im Süden. Dagegen spannt sich das Luftfrachtnetz von Findel aus über den gesamten Globus mit Verbindungen nach Asien, Afrika, Lateinamerika, in den Mittleren Osten und in die USA. Dieser Erfolg geht auf das Wirken zweier lokaler Akteure zurück: Der Frachtairline Cargolux sowie dem Luxair Cargo Center.
Neben Cargolux sind Atlas Air (USA), China Airlines (Taiwan), China Postal Airlines (VR China) und Silk Way West (Aserbaidschan) mit regelmässigen Frachtflügen in Findel präsent, zudem finden immer wieder ad-hoc-Flüge anderer Anbieter statt. Einen wichtigen Grosskunden hat Luxemburg allerdings Ende Juni 2025 endgültig verloren: Qatar Airways, die seit 2012 linienmässige Frachtdienste nach Luxemburg durchgeführt hatte, hat schrittweise alle ihre Flüge – noch vor wenigen Jahren bis zu 20 Rotationen wöchentlich – ins benachbarte Liège verlagert, wo die Airline vom Arabischen Golf eigenen Angaben gemäss eine modernere, ihren Ansprüchen an das zukünftige Wachstum besser geeignete Infrastruktur vorgefunden haben will.
oben: Nicht nur reguläre Frachtflugzeuge waren in LUX zu sehen, sondern auch exotische Baumuster wie die Conroy CL-44-0 Skymonster, von der nur dieses eine Exemplar gebaut wurde. Der auffällige Frachter befand sich auf einem Frachtcharter von Luxemburg nach Baku. Transportiert wurden Teile einer Bohrplattform (Serge Braun, Luxemburg, 24.10.97).
unten: Die zum Frachter umgebaute Boeing 737-8AS(F) EI-AZB wird von ASL Airlines Ireland im Auftrag der Amazon Prime auf Expressfrachtflügen innerhalb Europas eingesetzt (Lukas Lusser, Liège, 7.8.22).
Die ehemalige Luftwaffenbasis Liège Bierset wird zum Frachthub
Der heute rein zivil genutzte Flughafen Liège Bierset ist noch deutlicher auf den Frachtumschlag fokussiert als Luxemburg Findel. Linienmässige Passagierflüge finden keine statt, lediglich im Urlaubsbereich flog TUI Belgium bislang mit einer saisonal vor Ort stationierten Maschine diverse Warmwasserziele an. Diese Flüge will sie nun aber Ende Januar 2026 endgültig einstellen, womit das kleine, moderne Terminal in Liège zu verwaisen droht.
Ganz anders dagegen die Lage im Cargogeschäft: Liège gilt heute als der fünftgrösste Frachtflughafen Europas, und dabei soll es nicht bleiben. Alleine im ersten Halbjahr des aktuellen Geschäftsjahres 2025 verzeichnete Liège ein Wachstum von 10%, das sich gegen den Sommer hin sogar noch beschleunigt hat. Auf 7'120 Frachtflügen beförderten 51 Airlines – zehn mehr als im Vorjahr – regelmässig Güter über die wallonische Frachtdrehscheibe, insgesamt im Umfang von 626'690 Tonnen abgefertigter Luftfracht.
Um das Wachstum – derzeit wirkt das Versandgeschäft aus China als einer der Haupttreiber der Entwicklung – stemmen zu können, plant der Flughafen Liège deshalb einen massiven Ausbau seiner Kapaziäten. Schon heute können gleichzeitig zwölf Grossraumfrachter abgefertigt werden, doch sollen in naher Zukunft weitere 15 Standplätze für Grossraumflugzeuge und drei neue Frachthallen gebaut werden. Damit will der belgische Flughafen unter die drei grössten Frachtzentren Europas aufsteigen. Bis 2040 will er 500 Millionen Euro in den etappenweisen Ausbau investieren, um die behördlich bewilligte Obergrenze von derzeit 55'000 jährlichen Flügen ausnutzen zu können.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Sie finden die Geschichte des Frachtgeschäfts in Luxemburg und Liège, angefangen vom Aufstieg der Cargolux bis zu den Ausbauplänen in Liège in voller Länge an Ihrem Kiosk, abgedruckt in der November-Ausgabe des Luftfahrtmagazins Skynews.ch. Zudem finden Sie in unserer Galerie Frachter in Luxemburg und Liège 27 historische und aktuelle Frachter aus aller Welt von einst und heute, vom einmaligen «Skymonster» bis zur modernen Boeing 777-F.
unten: Hauptsächlich ab Miami in der Karibik und Lateinamerika tätig, hat Amerijet International inzwischen ihr Geschäftsfeld ausgeweitet. Sie fliegt hier mit der Boeing 767-323ER/F N347CM einen Ad-hoc-Frachtkurs von Chicago nach Liège (Lukas Lusser, Liège, 7.8.22).