Backtrack: Die «andere» HB-IFA

14.10.2025             

Mit dem Wachstum des globalen Luftverkehrs stossen Staaten inzwischen immer öfter an ihre Grenzen, wenn sie neue Kennzeichen für Luftfahrzeuge vergeben: Die Anzahl verfügbarer Kennzeichen mit alphanumerischen oder rein alphabetischen Zeichen ist zwar gross, naturgemäss aber durch die Anzahl verfügbarer Zeichen und Stellen beschränkt. Sie reagieren darauf, indem sie etwa neben reinen Buchstaben- oder Ziffernkennzeichen zusätzlich auch Kombinationen beider Elemente erlauben (z.B. VR China, Malta), die Länge sprich Anzahl verfügbarer Stellen erweitern (z.B. irisches BizJet-Register, Saudi Arabien, Taiwan) oder die erneute Verwendung früher bereits vergebener Kennzeichen erlauben (z.B. Deutschland, Österreich). Seit Ende 2022 hat auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt seine luftrechtliche Verordnung dahingehend angepasst, dass früher bereits einmal vergebene Kennzeichen für Schweizer Luftfahrzeuge nach mindestens 10 Jahren des Nichtgebrauchs erneut genutzt werden dürfen.

Nachdem bisher in erster Linie Helikopter sowie Flugzeuge der Privat- und Geschäftsluftfahrt von dieser Neuerung profitiert haben, nutzen mit Edelweiss und Swiss International Air Lines nun auch erste Schweizer Airlines die Möglichkeit. Beide Fluglinien verwenden für ihre neu eingeflotteten Airbus A350 Kennzeichen, die früher bereits in Gebrauch waren und bei Swissair und ihrer Tochter Balair für Flugzeuge des Herstellers McDonnell Douglas verwendet wurden: Bei den als HB-IHA und folgende eingetragenen A350 der Edelweiss waren dies die DC-10-30 der Swissair, bei den nun eintreffenden A350 HB-IFA und folgende der Swiss trugen einst DC-9-Kurzstreckenjets der Swissair die fraglichen Immatrikulationen.

oben: Nachdem die Swissair DC-9-15 HB-IFA in den Plandienst getreten ist, hat sie auch das Wappen des Kantons Graubünden erhalten. Wenige Wochen vor ihrer Rückgabe an den Hersteller rollt sie zum Start auf Piste 28, an deren Line-Up-Position einst ein beliebter Fotostandort existierte. Man beachte zudem die ungewöhnlich gestaltete Heckbemalung, die kurioserweise dem späteren Swissair Rhombus-Logo der 1990er Jahre vorzugreifen scheint (Karl Freund, Zürich, August 1968).

unten: Soeben ist die DC-9-15 HB-IFA nach ihrem Ablieferungsflug in Zürich angekommen. Ein interessiertes Publikum darf das erste Exemplar einer DC-9 in den Diensten der Swissair aus der Nähe begutachten, und das garstige Wetter scheint dem Andrang keinen Riegel geschoben zu haben. Während der kommenden rund 30 Jahre wird Swissair diverse Versionen des robusten und zuverlässigen Zweistrahlers nutzen: Zunächst die DC-9-10, später die DC-9-32, die DC-9-51 und die DC-9-81/82 (Marketingbezeichnung später MD-81/82) sowie mietweise von SAS kurze Zeit auch die DC-9-41 (Karl Freund, Zürich, 22.7.66).

Die erste HB-IFA

Das seit 9.10.2025 auf der ersten Swiss A350 «Lausanne» angebrachte Kennzeichen HB-IFA wurde erstmals im Sommer 1966 vergeben, als Swissair ihre erste McDonnell Douglas DC-9 erhielt. Am 22. Juli 1966 landete die fabrikneue DC-9-15 HB-IFA «Graubünden/Grisons» bei alles andere als sommerlichem Wetter an ihrer neuen Heimatbasis Zürich, nur zehn Tage später gefolgt von ihrer Schwester HB-IFB. Die beiden Jets hatten gegenüber der geplanten Auslieferung werksseitig einige Wochen Verspätung - auch damals schon ein Thema in der Flugzeugindustrie - und mussten deshalb innert weniger Wochen fit für den Einsatz gemacht werden. Während die HB-IFA in den ersten Wochen jeden Tag mit auszubildenden Crews nach Mailand flog, um dort intensive Landetrainings zu absolvieren, wurden Bodenmannschaften und Kabinencrews in den Nachtstunden zum Flugzeug beordert, um das Handling am Boden und in der Kabine einzuüben. In der zweiten Augusthälfte wurden dann beide DC-9 während einer Woche durch die Techniker in der Werft letzten Modifikationen unterzogen, um am September in den Liniendienst eintreten zu können.

Swissair hatte zunächst zehn Einheiten der ursprünglichen DC-9 Version bestellt, machte aber rasch die Erfahrung, dass die Jets bereits zu klein für die erwartete Nachfrage waren, weshalb die Bestellung alsbald in die grössere (und weltweit bis zur Nachfolgeversion MD-80 auch am meisten verkaufte) DC-9-32 umgewandelt wurde. Nur gerade fünf kurze DC-9-15 stiessen 1966/67 zur Swissair, und sie alle wurden bereits 1968 mit der Ablieferung der grösseren DC-9-32, von der die Swissair und ihre Tochter Balair schliesslich 25 Stück erwerben sollten, wieder an den Hersteller McDonnell Douglas retourniert und an Zahlung gegeben.

Dieses Schicksal traf auch die HB-IFA, die am 17. Septemper 1968 in die USA zurückkehrte und alsbald an Dominicana de Aviacion weitervermietet wurde. Nach der Rückkehr von dieser Miete konnte McDonnell Douglas sie 1973 als Privatjet an das Forbes Magazine verkaufen, wo sie den Namen «Capitalist Tool» und das Kennzeichen N60FM erhielt. Es folgt eine lange Karriere als VIP-Flugzeug: Nach dem Forbes Magazine erwarb sie der Maschinenbauer Westinghouse Electric Corporation (N901B), dann das Harrah's Casino aus Las Vegas (N2H), und schliesslich im März 1988 die Fluglinie Express One, die neben Charterflügen für ein breites Publikum auch exklusive Charter für Sportmannschaften und dergleichen anbot, wofür die mit einer Business-Kabine ausgerüstete ehemalige HB-IFA, nun auf das Kennzeichen N120NE eingetragene DC-9-15 gute Dienste leistete.

oben: In der Grundbemalung der Express One und noch mit der entsprechenden US-Immatrikulation N120NE steht die einstige Swissair DC-9-15 im Sommer 1989 wieder in ihrer alten Heimat im Einsatz (Lukas Lusser, Zürich, 16.7.89).

unten: Nach der Umregistrierung auf das frühere Kennzeichen HB-IFA fliegt die Aeroleasing DC-9-15 noch längere Zeit in den Grundfarben der Vorbesitzerin, aber mit unüblich grossen Aufschriften der Genfer VIP-Betreiberin ad-hoc Charter für Privatkunden und internationale Oranisationen wie die Vereinten Nationen. Sie flog aber auch Delegationen der Schweizer Behörden an weiter entfernte Ziele, etwa im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für den im Jahr 1992 erfolgten Beitritt der Schweiz zum Internationalen Währungsfonds (Lukas Lusser, Zürich, 30.3.90).

Die unerwartete Heimkehr

Doch dann geschah im Sommer 1989 etwas Unerwartetes: Die N120NE wurde wiedereinmal zum Verkauf angeboten, und nun schlug die Genfer VIP-Betreiberin Aeroleasing zu. Sie erwarb die N120NE und flog sie bis Mitte September 1989 noch mit ihrem US-Kennzeichen und neutralisierter Express One-Bemalung auf VIP-Chartern in Europa und in den Nahen Osten, bevor sie 21 Jahre nach dem schnellen Ende bei Swissair wieder in das Schweizer Register zurückkehrte, und dabei von einer nur selten angewandten Regel Gebrauch machen konnte: Bereits vor 2023 durfte das BAZL ein früheres Kennzeichen wieder vergeben, aber ausschliesslich für den seltenen Fall, dass es sich um eine Wiedereintragung exakt des selben Flugzeugs handelte. Und das war bei der HB-IFA der Fall, die ab dem 20. September 1989 wieder ihre alte, angestammte Immatrikulation tragen durfte. Einige Zeit später erhielt die zunächst immer noch in Express One-Grundfarben fliegende HB-IFA dann die damalige Aeroleasing-Bemalung, wie sie auch ihre Schwester, die DC-9-14 HB-IEF, trug.

Im Frühjahr 1995 veräusserte Aeroleasing die HB-IFA zurück in die USA, wo sie - was für eine Überraschung - wieder auf N120NE umregistriert für diverse Businesskunden weiterflog: Topeka Management, Genesis Aeronautics, Royal Sons Inc. oder Frontera Flight Holdings hiessen die - oftmals als Treuhänder den wahren Besitzern vorangestellten - Betreiber, bei denen die ehemalige HB-IFA noch bis 2017 weiterfliegen durfte. Am 11. Juli 2018 wurde sie in Saltillo, Mexiko, endgültig abgestellt - übrigens immer noch in den Grundfarben der Aeroleasing.

unten: Im Winter 1992/93 erhält die HB-IFA die reguläre damalige Bemalung der Aeroleasing, die um Einiges diskreter daherkommt als das vorangehende ex Express One-Design. In identischen Farben ist zur gleichen Zeit auch eine zweite kurze DC-9 bei Aeroleasing im Einsatz, die HB-IEF, deren Karriere bei Delta Air Lines begann und über Southern Airlines, Alisarda und mehrere Privatbesitzer zu Aeroleasing führte (Lukas Lusser, Zürich, 9.7.93).