Wie es zum ersten Totalverlust einer A220 gekommen ist

08.04.2026    Quelle: Aviation Safety Network         

Mit inzwischen 55 übernommenen Einheiten und weiteren 34 offenen Bestellungen für das Muster ist Air Baltic die grösste europäische Betreiberin des Airbus A220, der einst unter dem Marketingnamen Bombardier CSeries lanciert wurde. Lediglich Delta Air Lines in den USA betreibt mit gegenwärtig 84 Stück noch mehr A220 als Air Baltic. Doch inzwischen hat Air Baltic eine ihrer A220-300 auf eher ungewöhnliche Weise verloren: Die 2019 gebaute YL-AAO musste abgeschrieben werden, nachdem sie bei Wartungsarbeiten durch ein Feuer im Belüftungssystem der Kabine beschädigt wurde.

Bevor der Airbus A220-300 YL-AAO wegen der fälligen vorzeitigen Kontrollen und Wartungsarbeiten an ihren Pratt & Whitney PW1521-Triebwerken für neun Monate geparkt wurde, stand der bei Wartungsarbeiten irreparabel beschädigte «Pechvogel» von Air Baltic auch auf ACMI-Flügen im Auftrag der Swiss im Einsatz, und war deshalb zeitweise am Flughafen Zürich stationiert (Lukas Lusser, Zürich, 1.2.23).

Aufgrund der bekannten Probleme mit der Verfügbarkeit der Pratt & Whitney PW1521 Geared Turbofan-Triebwerke nahm Air Baltic die von der britischen Flugzeugfinanzierungsfirma Aviation PLC geleaste YL-AAO am 30. September 2024 vorübergehend ausser Betrieb und stellte sie am Flughafen Riga ab. Sie blieb für neun Monate am Boden, sollte dann aber im Sommer 2025 wieder in den Plandienst zurückkehren.

Air Baltic führte deshalb zur Vorbereitung der Wiederinbetriebnahme eine Grundüberholung des Flugzeugs durch. Nach Abschluss der Arbeiten begannen Techniker mit den vorgeschriebenen Systemtests am Boden und führten am 14. Juni 2025 einen Testlauf der Hilfsturbine (APU) durch, welche die Bordsysteme bei Stillstand der Triebwerke mit Elektrizität und Druckluft versorgt. Während dieses Tests brach im Ozonfilter, der Teil des Kabinendruck- und Belüftungssystems ist und im Reiseflug das in grosser Höhe anzutreffende Ozon in Sauerstoff umwandelt, ein Feuer aus. Zwar konnte dieses von der alarmierten Feuerwehr gelöscht werden, doch entstanden durch Russ und Hitze Schäden am Flugzeug, die eingehende Abklärungen durch den Hersteller Airbus Industrie notwendig machten. Als höchst ungünstig erwies sich dabei der Ort, an dem der fragliche Filter eingebaut ist: Er befindet sich mittig im Unterflurbereich des Rumpfes und somit in unmittelbarer Nähe der sogenannten «Center Box». Sie ist das grundlegendste Bauteil eines jeden Flugzeug, das die Verbindung zwischen Rumpf und Tragflächen darstellt. Hier stellten die Spezialisten von Airbus Industrie und die hinzugezogenen Experten der Versicherung fest, dass die Integrität dieses Bauteils infolge der Hitzeeinwirkung nicht mehr gewährleistet war.

Nun kann eine Center Box, anders als viele andere Komponenten eines Flugzeugs, nicht einfach getauscht werden, denn sie ist quasi der Grundstein, das Bauteil Nr. 1 der gesamten Zelle. Ist sie beschädigt, kommt eine Reparatur einem faktischen Neubau des Flugzeugs gleich. Nach einem halben Jahr intensiver Abklärungen kam deshalb Airbus Industrie, im Einvernehmen mit Air Baltic und ihrer Versicherung, zum Schluss, dass eine dermassen aufwendige Reparatur der YL-AAO sich wirtschaftlich niemals rechnen würde. Das Flugzeug wurde deshalb versicherungstechnisch per Ende 2025 abgeschrieben, und Air Baltic erhielt eine Schadensprämie von 33.4 Millionen US Dollar ausbezahlt. Diese reicht jedoch nicht aus, um die aufgelaufenen Kosten für die Arbeiten am beschädigten Flugzeug und die noch fälligen offenen Leasingraten in Höhe von 39.6 Millionen Dollar zu bezahlen, weshalb das Feuer in der YL-AAO in Air Baltic's Büchern einen Verlust von 6.2 Millionen Dollar verursachte. Formell bestätigte Air Baltic den Verlust der YL-AAO bei der Veröffentlichung ihres Jahresberichts 2025, in dem der entsprechende Abschreiber verzeichnet ist.