Boeing empfiehlt Aussetzung des Betriebs der MD-11
09.11.2025 Quelle: Simple Flying
Drei Tage nach dem fatalen Absturz der MD-11F N259UP der UPS Sekunden nach dem Start vom Frachthub Louisville, Kentucky, hat der für den Fall zuständige leitende Beamte der Untersuchungsbehörde NTSB National Transportation Safety Board, Todd Inman, weitere Fakten bekannt gegeben.
Erste Erkenntnisse der NTSB-Untersuchungen
Eine erste Auswertung des Cockpit Voice Recorders konnte bereits vorgenommen werden, das Gerät hat vor dem Unfall rund zwei Stunden Geräusche und Gespräche in guter Qualität aufgezeichnet. Eine erste Anhörung der Daten ergibt, dass die Besatzung ihre Checklisten und Aufgaben vor Flugbeginn routiniert und regelkonform zu erledigen scheint. Auch der eigentliche Startlauf wird von Inman als «zunächst ereignislos» bezeichnet. Insbesondere erfolgen alle Aufrufe der Crew beim Erreichen der Entscheidungs-Geschindigkeiten, also der Geschwindigkeit, ab der kein sicherer Startabbruch mehr möglich ist (V1), und der Geschwindigkeit, bei der das Flugzeug zu rotieren beginnen sollte (VR), noch normal. 37 Sekunden nach Beginn des Startlaufs ertönt nach seinen Worten ein anhaltendes Glockensignal («ringing of a bell»), das während 25 Sekunden anhält, bis die Aufzeichnung abbricht. Die genaue Natur des Warnsignals muss noch verifiziert werden, insbesondere will sich die NTSB noch nicht darauf festlegen, ob hier nur eine Warnung oder mehrere Warnungen gemeinsam erklingen.
Inman bestätigt zudem, dass das linke Triebwerk neben der Piste nahe dem Punkt des Rotierens geborgen und eindeutig dem Unglücksflugzeug zugeordnet werden konnte. Interessant ist hierbei insbesondere seine Aussage, dass sich das Triebwerk zusammen mit dem Pylon, mit dem es an der Tragfläche befestigt war, gefunden wurde.
Er bestätigte zudem, dass sich die N259UP vom 3. September 2025 bis zum 18. Oktober 2025 in San Antonio zur Wartung weilte und dort einem HMV, also einer Heavy Maintenance (Grundüberholung) unterzogen wurde. Nach der Rückkehr in den Dienst absolvierte sie 27 Flüge innerhalb der kontinentalen USA und absolvierte dabei total rund 61 Flugstunden. Das NTSB hat keine Kenntnis von besonderen Vorfällen während eines dieser Flüge oder unmittelbar vor dem Unglücksflug, prüft diese Historie der verunfallten Maschine jedoch nochmals nach.
oben: Im Anflug auf Anchorage begegnet die UPS MD-11F N288UP ihrer Schwester N578FE, die im Dienst der Konkurrentin FedEx steht (Lukas Lusser, Anchorage, 5.7.10).
unten: Federal Express besitzt derzeit noch 26 aktive McDonnell Douglas MD-11F, die nach bisheriger Planung bis 2032 durch Boeing 777-F ersetzt werden sollten. Die hier in Anchorage vor vier ihrer Schwestern startende N601FE - bei der es sich um den früheren MD-11-Prototyp N111MD handelt - wurde bereits 2023 ausser Dienst gestellt und ist heute in Victorville, Kalifornien, abgestellt (Lukas Lusser, Anchorage, 26.6.10).
Boeing empfiehlt vorübergehende Suspendierung der MD-11-Flüge
Mit der 1997 erfolgten Fusion von McDonnell Douglas und der Boeing Aircraft Corporation ist Boeing nun der für die MD-11 verantwortliche Hersteller. In dieser Eigenschaft empfiehlt Boeing, vorderhand keine Flüge mit der MD-11 durchzuführen, bis weitere Analysen des Unfalls erfolgt sind. Hierbei handelt es sich um eine Empfehlung vorbeugender Natur, und nicht um eine behördliche Anweisung.
FedEx und UPS pausieren MD-11-Betrieb aus eigenen Stücken
Die beiden grössten Betreiber der MD-11, Federal Express (mit derzeit noch 26 aktiven Einheiten) wie auch UPS (27 verbleibende aktive Einheiten) haben am 7. November 2025 vorsichtshalber diesen Schritt bereits aus eigenem Antrieb vorgenommen, noch bevor Boeing am 8. November die entsprechende Empfehlung abgab. Es wird nun erwartet, dass auch der drittgrösste Betreiber, Western Global Airlines mit 15 Einheiten der MD-11F, angesichts der Empfehlung von Boeing nachziehen dürfte.
Während Federal Express und UPS, die neben der MD-11 über grosse Flotten anderer Muster verfügen und somit ein Grounding der MD-11-Flotte teilweise kompensieren können - mit Verzögerungen und Flugausfällen müssen sie dennoch rechnen - befindet sich Western Global in einer weniger komfortablen Lage. Ihre 15 MD-11F bilden das Rückgrat der Geschäftstätigkeit, des weiteren verfügt die Frachtspezialistinn aus Miami nur noch über vier Boeing 747-400, die den Ausfall der MD-11-Flotte nicht einmal ansatzweise kompensieren können.
Ein weiterer Betreiber der MD-11F ist Western Global Airlines mit Sitz nahe Miami, Florida, die 15 Einheiten des Typs auf auf eigene Rechnung und im ACMI für andere Airlines im Einsatz hat. Ein Adhoc-Charter ihrer MD-11F N412SN stellt den gegenwärtig letzten Besuch einer MD-11 am Flughafen Kloten dar (Lukas Lusser, 13.9.19).